Netzwerk junges Bechterewler

Netzwerk Junge Bechterewler in der DVMB

Schnupperwoche im Gasteiner Heilstollen für Junge Bechtis

ein Erfahrungsbericht

Hinter Bad Gastein windet sich das Taxi den steilen Bergwald hinauf auf die Höhe von 1200 m ü. NN. und entlässt uns in das Stollen-Kurhaus des Gasteiner Heilstollens. Der erste Eindruck nach dem „Check-in“ und der sehr freundlichen Aufnahme verbunden mit der Eingangsuntersuchung durch Frau Dr. Lind-Albrecht, ist ein Gewusel von „Blauen Bademänteln“. Überall Menschen in blauen Bademänteln. Und noch etwas fällt mir auf: zum einen, die Mischung aus hektischem, ja fast zwanghaftem TRINKEN, als ob es die nächsten 14 Tage nichts mehr gäbe. Zum anderen, ein ebenfalls zwanghaftes aufs WC-GEHEN, sicherlich hervorgerufen vom vielen Trinken, vielleicht drückt aber auch die Nervosität des Bevorstehenden auf die Blasen. Wie dem auch sei – eine viertel Stunde vor der Einfahrt in den Gasteiner Heilstollen wird jeder Patient namentlich aufgerufen und muss sich laut und deutlich mit der Stationsnummer, die er beabsichtigt zu erreichen, melden.

Im Heilstollen gibt es die Stationen 1 bis 4. Diese unterscheiden sich in Temperatur und relativer Luftfeuchtigkeit, welche sich von 37,5 - 41,5°C und 75 - 100% respektive, unterscheiden. Alle beginnen bei Station 1. Bei weiteren Einfahrten kann man dies steigern. Wichtig zu wissen ist jedoch, dass der Radongehalt von 44 kBq/m³ im gesamten Stollen der gleiche ist. Trotzdem scheint die Nummer der Station ein wichtiger Diskussionspunkt zu sein.

Unverzüglich begeben wir uns zum Stolleneingang, bekommen vom Lockführer ein Liegetuch und nehmen in der auf uns wartenden kleinen Grubenbahn platz. Seichte Hintergrundmusik soll die Gäste beruhigen – kann jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass mir vielmehr die Melodie von “Spiel mir das Lied vom Tod“ in den Sinn kommt. Dann setzt sich die Bahn in zunächst ohrenbetäubendem Lärm in Bewegung und es geht in das Innere des Tauerngebirges. Erster Halt: die sogenannte „Bademantelstation“. Wie der Name schon sagt entledigt man sich hier des Bademantels und es geht weiter, immer tiefer durch den ehemaligen Goldbergwerkstollen, hinein in das Bergmassiv. Ab hier herrscht absolutes Redeverbot. Ruhe ist ein wichtiger Teil der Therapie. So versuche ich mich zu entspannen und mich auf das Bevorstehende zu konzentrieren. Unverhofft bremst die Bahn abermals und wir passieren in langsamer Fahrt die schweren, eisernen Türen der Schleuse, die sich hinter uns wieder schließen.

Junge Bechterewlwer am Stolleneingang

Wir sind im Therapiebereich angelangt. Nun wird mir auch klar, wieso wir den Bademantel hier nicht mehr brauchen. Ich halte die Hand aus dem Fensterspalt und bin geschockt: die Luft könnte im tropischen Regenwald des Amazonas nicht feuchter sein, und die Temperatur erst… Der Zug durchschneidet förmlich die Luft, und es geht unaufhaltsam ins Innere des Radhausberges, vorbei an tiefgrauem Gneisgestein, das immer wieder von kristallenen Einschlüssen durchsetzt ist. Der Reihe nach werden die Stationen ausgerufen. “Station 1“ höre ich rufen. Jetzt sind wir an der Reihe. Ich erhebe mich vom Sitzplatz und die ersten Schweißperlen tropfen von der Stirn herunter. Nach Frauen und Männern getrennt begeben wir uns in einen der Seitenstollen, Badesachen ausziehend, und nehmen auf einer der Liegen entlang des Stollenganges platz.

Hier werde ich also die nächste Stunde verbringen. Die Steinwand neben mir strahlt eine wohlige Wärme aus. Und dazu das gedämpfte Licht, eigentlich ideal zum Entspannen und Schlafen. Die Station 1, auf der ich mich gerade befinde, hat ca. 38 °C und 80 % relative Luftfeuchtigkeit. Klingt für den Leser recht moderat. Als alter Saunagänger weiß ich jedoch, was es heißt, zu schwitzen, aber es ist nichts gegen das hier! So verliere ich, einfach so vom daliegen, über 2 l Flüssigkeit. Bei den höheren Stationen, Tendenz steigend! In Bächen läuft mir der Schweiß herunter, mein Körper versucht die überwärmung verzweifelt auszugleichen – ohne wirklichen Erfolg. Dazwischen kommt die Ärztin auf der Station vorbei, fühlt den Puls und erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden. „Eine so leicht bekleidete Ärztin hat mir noch NIE den Puls gefühlt“, höre ich später unseren Peter, über beide Ohren mir entgegen-grinsend, zitieren. Wohl wahr!

Das Radon im Heilstollen sieht und riecht man nicht, nur den Mechanismus, der im Körper in Gang gesetzt wird, lässt sich erahnen. Die Kombination aus milder überwärmung (Hyperthermie) und Radontherapie aktiviert die natürlichen körpereigenen Selbstheilungskräfte. Das TGF-beta, ein entzündungshemmender und heilungsfördernder Botenstoff im Blut, wird durch die Therapie im Heilstollen signifikant erhöht und greift dadurch direkt in die immunologischen Prozesse des Körpers ein.

Nach Minuten ungeduldigen Wartens höre ich in der Ferne den Zug kommen und richte mich langsam und vorsichtig auf. Jetzt den ohnehin angespannten Kreislauf nicht noch zusätzlich strapazierend, ziehe ich die Badehose wieder an, nehme das zwischenzeitlich tonnenschwere Badetuch in die Hand und bewege mich Richtung Zug. Die Aufsicht im Stollen vergewissert sich noch einmal, das auch wirklich alle wieder mit nach draußen kommen, und der Zug setzt sich in Bewegung. Mein Herz pumpt immer noch wie verrückt, ein wenig erleichtert, als wir die Schleuse wieder passieren und mir ein Hauch kühlerer Luft entgegenbläst. Dann wieder die Bademantelstation, und endlich, wir sind wieder draußen!

„I bin am Axxxx“, höre ich die ersten Worte von meiner jungen Leidensgenossin. Wir sehen alle ziemlich fertig aus und sind es auch! Fertig, aber auch ein wenig stolz, durchgehalten zu haben. Unverzüglich begeben wir uns in einen der Ruheräume und kuscheln uns in die blütenweißen, frisch überzogenen Schlafplätze. Es ist geschafft – jetzt nur noch ausruhen, entspannen. Nach wenigen Augenblicken überkommt mich eine tiefe Müdigkeit und ich schlummere ein. 

Junge Bechterewlwer zum Gasteiner Höhenweg

Die Zeit der Ruhe tut gut, wieder Kräfte zu sammeln und den Kreislauf zu stabilisieren. Später, wieder angezogen, treffen wir uns im Eingangsbereich des Stollen-Kurhauses. Ich verspüre einen wahnsinnigen Durst, fühle mich aber trotz der Anstrengungen irgendwie überaus gut, kann dieses Gefühl aber nur schwer beschreiben.

Dieser ersten Einfahrt folgen noch weitere drei. Mehr geht leider nicht bei unserer kleinen „Schnupperkur“ im Gasteiner Heilstollen. Für eine richtige Reha sollten es jedoch 8 bis 12 Einfahrten sein. Für mich war es aber einfach wichtig, alles kennenzulernen. Ich werde bei Google nachsehen, ob Radon auch süchtig macht. Und ich werde bestimmt wiederkommen.

Nicht erwähnt habe ich in diesem kurzen Bericht die tolle Gemeinschaft unserer Gruppe, die Ausflüge u. a. zum Gasteiner Höhenweg, zur Fundner Heimalm und Schmaranz, die zahlreichen leckeren österreichischen Mehlspeisen und unsere schöne und sehr familiäre Unterkunft im Hotel Rauscher in Bad Hofgastein.

Und last but not least herzlichen Dank an alle Organisatoren im Namen ALLER für die erlebnisreiche „Schnupperwoche im Gasteinertal für Junge Bechtis“!

Kersten Hahn